• Jennifer Nausch

Über den Körper zu Deinem SELBST finden



Der in Hamburg etablierte Yoga-Lehrer Jens Barth (48 Jahre) spricht im Interview mit Vertical Truths über das Missverständnis, bei Yoga gehe es darum, immer glücklich zu sein und Yoga sei die Lösung persönlicher Probleme und er verrät uns, weshalb er Yoga-Atemübungen in seinem Unterricht kritisch gegenübersteht. Außerdem geht es im Gespräch darum, was eine raffinierte Asana (Yogaposen)-Sequenz ausmacht, was Yoga von Religion unterscheidet und warum es am besten ist, in einer stabilen Lebensphase mit der Praxis zu beginnen.


Mehr im INTERVIEW


Jennifer: Wenn dich ein Kind fragt: „Was ist Yoga?“ – was antwortest du?


Jens: Ich habe dies wirklich kürzlich erklärt, als ich eine Schulgruppe mit Kindern aus sozial schwachen Familien ehrenamtlich Yoga unterrichtet habe. Oft wird Yoga mit einem alten Mann mit Rauschebart, Räucherstäbchen und mit Geschichten um viele verschiedene Figuren aus Indien verbunden. Aber nur wenige hier im Westen können heutzutage damit etwas anfangen. Darum habe ich den Kindern erklärt, dass Yoga die Verbindung zwischen Herz, Körper und Geist ist. Und dann habe ich sie gefragt: „Wenn ihr zeigen wollen würdet, wo im Körper sich eure Seele befindet, wie würdet ihr dies zeigen? Legt mal eure Hand dahin.“ Wo würdest du sie hinlegen?


Ich würde meine Hand aufs Herz legen.


Alle Kinder haben intuitiv genau dasselbe getan. Dieselbe Frage habe ich in Bezug auf den Geist gestellt – und alle Kinder haben ihre Hand an den Kopf gelegt. Kinder haben also das intuitive Wissen von Körper, Geist und Herz bzw. Seele. Dann habe ich ihnen gesagt, dass es beim Yoga darum geht, diese drei Dinge miteinander in Einklang zu bringen.

„Es geht nicht um Leistungsdruck“

Was sagst du einem Yoga-Neuling in deiner Yoga-Stunde?


Yoga ist ein Erkunden und Erforschen seines Körpers und der Wirkung der Praxis auf ihn und das Gemüt. Wenn du Schwierigkeiten in ein paar Asanas spürst, ist das okay. Es geht nicht um Leistungsdruck. Es geht um Sanftmut dir selbst gegenüber. Und: Wenn dir diese Stunde nicht gefällt, probiere Yoga bei anderen Lehrern oder zu einem anderen Zeitpunkt aus, bevor du es aufgibst.


Welche Wege haben dich zum Yoga geführt?


Fast jeder spürt in seinem Leben irgendwann, dass etwas verändert werden muss. Oder ein traumatisierendes Erlebnis findet statt und man braucht Unterstützung, aber nicht unbedingt eine*n Psychologe*in. Yoga ist da ein guter Mittelweg. Auch ich war an diesem Punkt nach meinem Studium und vielen Berufsjahren. Ich war jahrelang vieles mit dem Kopf statt mit dem Herzen angegangen. Mir wurde bewusst, dass ich Veränderung brauchte. Ich war im Stammdaten-Management einer großen Firma tätig. Ein toller Job und ein super Team, aber ganz viel Stress. Ich hatte noch 25 Jahre vor mir bis zur Rente und wenn ich so weiter gemacht hätte wie bisher, dann hätte ich meine Gesundheit gefährdet. Da stolperte ich über ein Video zu Aerial-Yoga. Die Beweglichkeit, die man damit im Körper erzeugen kann und der ästhetische Aspekt haben mich angezogen – das war dann mein Einstieg.


„Yoga ist eine Art spirituelle Erfahrungswissenschaft“

In demselben Studio wurde auch Power-Yoga angeboten. Ich war eher der Ausdauertyp, der Laufen und Schwimmen liebt, aber in der Planke konnte ich mich kaum halten. Beim Yoga braucht man jedoch auch Kraft, zumindest so viel, dass man sich selbst in der Pose halten kann. Weil ich merkte, dass diese mir fehlte, bin ich dann beim Power-Yoga eingestiegen. Dann kam auch allmählich Spiritualität dazu. Denn ich merkte, dass die Ansagen des Lehrers, der Dharma-Talk und die kurze Anfangs- und Endmeditation etwas mit mir machten. Ich war in einer Phase, da haben diese Inputs ins Wespennest getroffen und etwas fing an, sich in mir zu bewegen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich allerdings noch nicht definieren, was es genau war, was da zu grummeln begann.


Jens' erster Kontakt mit Yoga kam über das Aerial-Yoga, das er seit sechs Jahren unterrichtet.

Wie kam es, dass du Yoga-Lehrer wurdest?


Yoga hat mir im Beruf wie auch im Leben sehr geholfen, mit Herausforderungen umzugehen. Es bietet Unterstützung, aber es ist keine Lösung. Die Lösung bist du selbst und Yoga kann der Weg sein. Und ich habe gespürt, dass ich meine Erfahrungen gern teilen würde, deswegen habe ich mich dann entschlossen, Yogalehrer zu werden.


„Die Lösung bist du selbst und Yoga kann der Weg sein.“

Welche Parallelen gibt es zwischen Religion und Yoga?


Früher sind die Menschen hierzulande in die Kirche gegangen, um sich mit Gott zu verbinden und Hilfe zu suchen. Dort hatten sie jemanden, bei dem sie sich aussprechen und ihre Sorgen loswerden konnten. Yoga würde ich zwar nicht als Religion bezeichnen, aber es ist für viele etwas, bei dem sie – ähnlich wie bei der Religion eine Art Selbsthilfe erfahren dürfen.


„Jeder ist spirituell, denn jeder macht sich irgendwie Gedanken über seine Gedanken“

Yoga ist eine spirituelle Philosophie und Übung – was ist der Unterschied zwischen Spiritualität und Religion?


In dem Wort Spiritualität steckt das Wort ‚Spiritus‘, der Geist. Es geht nur um die Bewegung des Geistes. Es geht nicht um irgendwelche Einordnungen, ob etwas z. B. christlich oder islamisch ist, sondern es geht nur darum, was für Bewegungen im Geist vorgehen und wie ich mit diesen Bewegungen umgehe. So gesehen ist jeder spirituell, denn jeder macht sich irgendwie Gedanken über seine Gedanken, und Yoga ist etwas Spirituelles ohne religiösen Touch. Yoga ist eine Art spirituelle Erfahrungswissenschaft, die die geistigen Bewegungen untersucht und Unterstützung bietet, mit ihnen umzugehen, sie einzuordnen, sie erfahren zu lernen, das eigene Denken beobachten zu lernen.


„Es geht nicht darum, permanent im Zustand absoluter Glückseligkeit zu sein, sondern darum Erfüllung zu finden.“

Was war dein persönlicher Yoga-High-Moment?


Als ich es einmal geschafft habe, in Trikonasana (Dreieck) alle Muskeln ideal auszurichten, habe ich mich so wohl in dieser Yogahaltung gefühlt und solch einen Frieden empfunden, dass ich diese Pose nicht mehr verlassen wollte, als der Lehrer uns in die nächste Pose leitete. Diese Momente kann ich jedoch an einer Hand im Jahr abzählen, denn alles muss stimmen: die eigene Stimmung, der Ort, die Stunde, der Lehrer, das Umfeld usw. Es geht nicht darum, permanent im Zustand absoluter Glückseligkeit zu sein, sondern Zufriedenheit zu finden, eine Art Stimmigkeit im Leben in diesem Moment.


„Jede Stunde, die ich gebe, ist für mich immer auch eine Lernstunde.“

Was hältst du von kompakten vier oder sechs Wochen langen Yogalehrerausbildungen?


In meiner Ausbildung habe ich in einem einzigen Wochenend-Modul so viel gelernt, dass ich drei bis vier Wochen gebraucht habe, um das alles nachzuarbeiten. Es braucht etwas Zeit, um dieses ganze Wissen zu integrieren und es ist mir nicht begreiflich, wie man das in so einem Crash-Kurs schaffen kann. Eine Yogalehrerausbildung sollte sich meines Erachtens deshalb über einen langen Zeitraum erstrecken. Tipp an angehende Yogalehrer*innen: Unterrichten, unterrichten, unterrichten. Es hat sehr lange gebraucht, bis ich auf mein heutiges Level gekommen bin. Man lernt nie aus. Jede Stunde, die ich gebe, ist für mich immer auch eine Lernstunde.


Planst du deine Sequenzen abgestimmt auf die Wochentage?


Nein. Beim Planen meiner Yogastunden wähle ich ein Thema pro Woche, zu dem ich die Sequenz plane und dann während der Stunde gegebenenfalls, je nach Teilnehmern, anpasse. Ich kenne aber eine Lehrerin, die ihre Stunden nach Jahreszeiten, nach Mondphasen oder nach Ayurveda-Typen plant. Wenn du spürst, dass du einen Zugang dazu hast und damit energetisch arbeiten kannst, ist das bestimmt eine gute Idee. Ich persönlich habe diesen Zugang nicht. Für mich ist jeder Mond oder Wochentag irgendwie gleich schön. Meistens spüre ich das Energielevel der Gruppe immer im Moment selbst, d. h. mitten in der Stunde oder in Savasana. Manchmal nehme ich Energie-Felder war, z. B. wo ein paar Anfänger*innen im Raum zusammenstehen, da ist die Energie meistens etwas verwirbelt oder wo mehrere Fortgeschrittene beieinander sind, da fließt die Energie wiederum ganz anders, ruhiger und harmonischer. Das kann ich interessanterweise deutlich spüren.



Yoga ist ein weites Feld, und es gibt unendlich viel zu lernen. Man kann als Yogalehrer*in nicht alles wissen. Dies steht im Konflikt mit meinem inneren Anspruch, immer angemessen auf meine Teilnehmer*innen eingehen und ihre Fragen beantworten zu können. Wie ist das bei dir?


Einmal rief eine Teilnehmerin während der Asana-Klasse, als ich dazu anleitete, in den herabschauenden Hund zu gehen, in den Raum hinein: „Muss ich Mula Bandha setzen (Zusammenziehen der Anusschließmuskulatur)?“. Ich kenne mich mit den Bandhas nicht besonders gut aus und bin der Meinung, dass da ganz viel Erfahrung dazu gehört, um diese richtig anzuleiten. Und das sage ich in solch einer Situation. Was viele Yogalehrer*innen sicherlich anders sehen: Die Bandhas sind meines Erachtens erstmal nicht so wichtig. Pranayama, die yogischen Atemübungen oder Shat Kriyas, die Reinigungstechniken, wie Kapalabhati unterrichte ich auch kaum, denn auch hier benötigt man ganz viel Erfahrung und diese Techniken geraten mittlerweile auch immer mehr in Kritik. Wichtig ist für mich, dass die Leute wieder raus aus ihrem Verstand ins Herz zurückfinden und das geht nur über eine gute Beziehung zum Körper und ein gutes Körperbewusstsein. Atemtechniken und Bandhas setzen, gehört für mich schon zu einer gezielten Energiearbeit. Und diese würde ich erst zum Einsatz bringen, wenn ich wahrnehme, dass meine Teilnehmer*innen eine sehr gute und bewusste Beziehung zu ihrem Körper haben.


„Es erfordert einen gewissen Mut zu sagen: Mit den Bandhas oder mit bestimmten Atemübungen arbeite ich nicht.“

Welche Art der Kritik meinst du?


Bei Kapalabhati wird z. B. gesagt, dass es auch energiezerstörend ist. Der Grund, aus dem man früher Atemübungen gemacht hat, war, den Körper zu spüren. Vor über tausend Jahren war das Körper- und Geistes-Bewusstsein des Menschen noch ganz anders. Selbst bei unseren Ur- oder Ururgroßeltern war das Körperempfinden noch ein ganz anderes als wir es heute haben. Da wir aber heute schon feinfühliger geworden sind, können bestimmte Atemübungen eher die Energie verwirren oder zerstören. Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er dies unterrichtet oder nicht. Ich glaube, es erfordert einen gewissen Mut zu sagen: „Mit den Bandhas oder mit bestimmten Atemübungen arbeite ich nicht.“ Denn diese haben einen ganz hohen Stellenwert im Yoga und Iyengar und viele Yogis aus Indien schwören darauf. Ich rate jedem auszuprobieren, was zu einem passt und womit man Erfolge erzielt. Begrenze dich nicht, sei neugierig, probiere aus und mache das, was für dich stimmig ist.


Nach welchen Prinzipien planst du deine Asana-Sequenzen?


Ich richte meine Planung ein Stück weit nach der Peak-Pose, dem Höhepunkt der Asana-Sequenz. In der letzten Stunde war es z. B. Urdhva Dhanurasana (auch als Chakrasana oder das große Rad bekannt), davor haben wir Ashtavakrasana (die Acht-Winkel-Haltung) aufgebaut. Ich überlege mir vorher, was man braucht, um gut in diese Yoga-Haltung hineinzukommen.



Kannst du dafür ein Beispiel nennen?


Nehmen wir die seitliche Krähe: Da haben wir zum Beispiel einen Twist, man benötigt Armkraft und man komprimiert sich, zieht den Körper etwas zusammen. Dementsprechend baue ich all das in die vorherige Sequenz ein: Twists im Liegen, im Stehen, im Vierfüßlerstand oder in der Kobra, ich lasse meine Teilnehmer mehr Planken machen, als dass ich sie sich am Boden ablegen lasse, um Armkraft aufzubauen und ich bringe Übungen für die tiefere Bauchmuskulatur mit hinein, um das Komprimieren in der Peak-Pose zu erleichtern.


„Ich möchte nicht, dass meine Stunden vorhersehbar und langweilig werden.“

Wie bereitest du dich auf deine Yogastunden vor?


Vieles von dem, was ich mir für eine Stunde vornehme, probiere ich selbst vorher aus, um zu schauen, ob ich meinen Teilnehmer*innen nichts zumute, wobei ich selbst Schwierigkeiten habe. Ich variiere in meinen Sequenzen ganz gern von Stunde zu Stunde. Es gibt aber auch Tage, an denen ich einfallslos bin. Für solche Situationen habe ich immer eine Notfall-Sequenz in Reserve, die ich in einem Kurs durchführen kann, wenn ich nicht so kreativ bin. Und ich hole mir auch gern mal Inspirationen aus dem Internet. Es gibt mittlerweile viele gute Yoga-Videos dort.


Wie erklärst du dir, dass dich manchmal die Einfallslosigkeit packt?


Das ist wahrscheinlich die Angst vor Wiederholungen. Ich möchte nicht, dass meine Stunden vorhersehbar und langweilig werden. Andererseits sind die anatomischen Möglichkeiten und das Repertoire an Posen nicht unbegrenzt. Beruhigend war es da, dass einmal ein Lehrer zu mir gesagt hat, ich müsse keine Angst davor haben, dass die Schüler sich langweilen, denn die meisten wissen am Tag oder in der Woche nach der Stunde mit einer komplexen Sequenz nicht mehr, was genau geübt wurde. Nur wenn man jede Woche denselben Ablauf hat, wie z. B. beim Bikram-Yoga, prägt sich dieser im Laufe der Zeit natürlich ein. Wiederholungen haben auch eine eigene Wirkung und Qualität.


„Am Anfang ist mir das Yoga-Üben nicht leichtgefallen.“

Du meinst, dass Wiederholungen helfen, die Bewegungen, die nötig sind, um in eine Asana zu kommen, im Gedächtnis zu speichern...?


Genau. Und sie sind auch notwendig, um den Körper zu trainieren und gezielt Kraft aufzubauen. Dann fängt Yoga an, Spaß zu machen. Am Anfang ist mir das Üben nicht so leichtgefallen und es hat nicht so viel Freude gemacht. Ich hatte nämlich kaum ausreichend Kraft, um mich in der Planke oder im seitlichen Brett zu halten. Das ist kein Erfolgserlebnis, wenn du immer wieder aufgezeigt bekommst, wo deine Grenzen sind, und dass dir Kraft und Übung fehlen. Aber je öfter man die Posen, die man als herausfordernd erlebt, übt, desto leichter fallen sie einem nach einer gewissen Zeit. Und das ist dann der Moment, in dem man beginnt über die Pose IN den Körper zu kommen.

„Ich möchte mit meinen Sequenzen den Automatismus unterbrechen“

Deine Teilsequenzen sind teils so raffiniert geplant, da kommt es schon einmal vor, dass ich als Praktizierende verwirrt bin, mit welchem Bein oder mit welcher Körperseite wir begonnen haben...


Das ist auch von mir so beabsichtigt. [lacht]. Meine Sequenzen sind manchmal so komplex und lang, dass die Teilnehmer*innen sich schwer merken können, welche Teilschritte und Übungen diese beinhaltete. Ich persönlich mag es – vor allem als Schüler – lieber, wenn die Asanapraxis komplex und unvorhersehbar ist. Dabei muss man sich mehr konzentrieren und zuhören und genau das hilft präsent zu bleiben.



Was ist sonst noch wichtig in deinen Yogaklassen?


Ich achte bei der Konzipierung meiner Asana-Sequenzen darauf, dass beide Seiten des Körpers gleichmäßig bearbeitet werden und man einen Ausgleich schafft. Ganz besonders wichtig ist mir auch der kurze Dharma-Talk, den ich zu Beginn der Stunde halte und in dem ich etwas als Impuls oder Inspiration für die Stunde über Yoga und über das Leben erzähle.


„Durch die Herzsprache angeleitet, über den Körper auf einer tieferen Ebene zu seinem SELBST kommen“

Was für einen Yoga-Stil unterrichtest du?


Anusara-Yoga. Dieser Yoga-Stil ist sehr ausrichtungsorientiert und spricht die Biodynamik des Körpers an, sodass man seinen blueprint im Yoga finden kann. Denn das Motto lautet nicht: your Yoga, your body, sondern: your body, your yoga. Das heißt, dass zum Beispiel deine Dreiecks-Pose anders aussieht als meine, aber wir beide fühlen uns wohl. Es geht nicht mehr so sehr um alte, und für in unserer Zeit und Gesellschaft unpassend gewordene indische Techniken und Traditionen, sondern darum, ganz bewusst, durch die Herzsprache angeleitet, über den Körper auf einer tieferen Ebene zu seinem SELBST zu kommen.


„Die Transformation in ein neueres an unsere Körper und die heutige Zeit angepasstes Yoga...“

Herzsprache klingt fantastisch – kannst du ein Beispiel dafür nennen?


Gern. Komm doch mal mit mir in die Planke. [Jens und ich finden uns beide in der Brettposition ein. Appel an die Leser: Gern selbst einmal ausprobieren.] Drücke deine Hände in den Boden und dann sage ich dir einen Satz. Nimm bewusst wahr, was dabei in dir vorgeht: Jetzt sammle deine Kraft im Herzen und schicke diese Kraft über deine Arme und über deine Hände in den Boden und drücke diesen Boden unter dir kraftvoll weg. Schaffe Raum zwischen dem Boden und dem Brustbein.


Wow, die Planke fühlt sich viel leichter als sonst an. Ich hebe fast ab.


Das ist genau der Effekt der Herzsprache aus dem Anusara-Yoga. Und ich glaube, dass die Menschen vor 1000 Jahren bei so einer Ansprache nicht verstanden hätten, was du als Yogalehrer von ihnen willst. Das zeigt uns noch einmal die Transformation in ein neueres an unsere Körper und die heutige Zeit angepasstes Yoga.



In deinen Yogastunden gibst du detaillierte Anweisungen, mithilfe derer den Yogapraktizierenden nicht nur eine bessere Ausrichtung gelingt, sondern sie können auch ein besseres Verständnis der körperlichen Anatomie bekommen.


Man muss kein Arzt sein oder Anatomie studieren, um Yoga zu praktizieren, aber ich bin überzeugt davon, dass Ausrichtung besser funktioniert und man die Posen besser verinnerlicht, wenn eine neuronale Verbindung zu der Körperstruktur aufgebaut wird und man sich während des Praktizierens vorstellen kann, wie sich z. B. der Oberarmknochen dreht.


Was macht einen guten Yogalehrer aus?


Wenn Yogaschüler*innen als Resultat deiner Stunde befüllt aus der Stunde gehen, sich bereichert fühlen, klar und präsent sind.


Man bekommt jedoch nicht nach jeder Stunde ein Feedback...


Das stimmt. Es ist deswegen gar nicht so einfach mit Klarheit wissen zu können, ob du eine gute Stunde gegeben hast, denn du brauchst immer eine Referenz, an der du dies misst. Das kann einerseits eine Rückmeldung sein, es könnte aber auch die Teilnehmer*innenzahl sein. Aber man kann sich da natürlich täuschen. Auch als Yogalehrer*in ist man nur ein Mensch und die Stunden variieren in ihrer Energie. Mein Ansatz ist, dass ich in jeder Stunde, das für mich zu diesem Zeitpunkt Beste gebe.


Welche Art von Yogalehrer hat dich als Schüler denn angesprochen?


Ich bin “befüllt” nach einer Yogastunde, wenn mich ein Lehrer oder eine Lehrerin innerlich berührt und aus dem Denkapparat ins Herz holt. Ich glaube, das geschieht durch die Mischung aus “Wellenlänge” mit dem Lehrer, Körperlich-gefordert-Sein, der Anleitung während der Praxis und der inhaltlichen Lenkung.


„Hingabe ist kein Aufgeben und auch kein Sich-Unterwerfen“

Was hat Yoga für dich nachhaltig verändert?


Ich habe durch Yoga gelernt, was es bedeutet, sich einer Situation, an der du nichts ändern kannst, hinzugeben. Zum Beispiel in Bezug auf die Demenz meiner Mutter: Ich wehre mich nicht mehr, weil ich den Prozess nicht aufhalten kann. Anstatt mit Medikamenten und Ärzten zu kämpfen und mich aufzulehnen, habe ich nach einiger Zeit des Einsehens und Umdenkens die Energie umlenken können in das Annehmen und den konstruktiven Umgang mit dieser unheilbaren Krankheit. Hingabe ist kein Aufgeben und auch kein Sich-Unterwerfen, sondern ein Umarmen der Situation. In dem Moment, in dem du loslässt, wird ganz viel Energie frei. „Hinter jedem Schmerz liegt ein tiefer Frieden“, sagt Eckhart Tolle.


„Beim Yoga geht es nicht darum, immer glücklich zu sein“

Dies ist nicht zu verwechseln mit dem Gefühl des Glücklichseins!?


Es geht beim Yoga nicht darum, immer glücklich zu sein, sondern darum, dass du, wenn alles um dich herum zusammenzubrechen scheint, den inneren Frieden behältst. Solange du Ruhe bewahren kannst, sprich im Auge des Tornados bleiben kannst, wirst du nicht in den Sog des Wirbels im Leben, sprich in die Peripherie des Wirbelsturms, hineingerissen.


Das ist ein treffendes Bild.


Es gibt da insbesondere zwei Sätze, die ich mit mir herumtrage: Der Weg legt sich unter den Gehenden. Der verdeutlicht, dass es nichts bringt, ewig zu grübeln und zu zweifeln, sondern dass es wichtig ist, aktiv zu werden und etwas umzusetzen. Oder: Love it, leave it or change it. Das sind die drei Möglichkeiten, die du im Leben hast, um mit einer Situation umzugehen. Das Nicht-Akzeptieren bringt uns nicht weiter.


Dann kommt man in eine negative Energie hinein.


Und das manifestiert sich wiederum. Wenn du dir jeden Tag einredest, wie schlecht es dir geht, dann geht es dir eines Tages wirklich schlecht. Deiner inneren Einstellung folgend, verändert sich auch dein Setting.



Glaubst du an Affirmationen? Zum Beispiel, dass ich mir „einreden“ kann, dass es mir gut geht, obwohl es mir nicht gut geht...


Es kommt auf deine Einstellung an. Wenn du in der Affirmation die einzige Lösung deines Problems siehst, dann wird es meines Erachtens nicht funktionieren. Es ist schon wichtig, sich Gedanken über die Natur seines Problems zu machen und sich mit anderen, damit in Zusammenhang stehenden Baustellen aktiv und bewusst auseinanderzusetzen.


Wenn sich bei jemandem während einer Yogastunde beim Ausführen einer Asana eine Emotion löst, wie gehst du als Yogalehrer damit um?


Es hängt von der Person ab. Es gibt welche, die können selbst ganz gut damit umgehen und sind ganz dankbar, wenn die Emotion raus ist. Oft ist es so, dass die Emotion im Kopf schon geklärt ist, aber im Körper noch als Verknotung existiert. Wenn ich Yin Yoga unterrichte, sage ich meistens: „Wenn ihr spürt, dass da Emotionen hochkommen und plötzlich Freude da ist oder Trauer, dann lasst sie einfach gehen und gebt die Energie in den Boden ab. Ein absichtsloses Geschehenlassen ohne inneren Kommentar, Kritik oder Verurteilung. Alles darf jetzt so sein, wie es ist, und so, wie es ist, ist es richtig.“ Nach der Stunde suche ich gegebenenfalls das Gespräch mit der Person. Feingefühl ist wichtig, um zu unterscheiden, ob es darum geht, dass die betroffene Person etwas loswerden, oder eine Antwort von dir bekommen möchte, die du wohl nicht geben kannst. In schwierigen Fällen empfehle ich, ein psychotherapeutisches Beratungsgespräch zu suchen.


Wie stehst du zu der Theorie, dass einige angestaute Emotionen noch Leiden aus vergangenen Leben entstammen?


Meines Erachtens ist es vom Individuum abhängig, ob man daran glaubt oder nicht, noch Karma aus dem vergangenen Leben mitbekommen zu haben.


„Wie ist denn der Wille noch frei, wenn alles vorbestimmt ist?“

Ich frage mich manchmal, inwieweit das Gesetz der Anziehung, mit dem man das Leben seiner Träume gestalten kann und die Idee von Karma, auch aus vergangenen Leben, zusammenpassen...


Die Theorie des Laplace’schen Dämons besagt, dass laut Gesetz von Ursache und Wirkung, alles, was passiert, jedes Ereignis oder jede Handlung eine Ursache und eine Wirkung hat und dass es deswegen unter Berücksichtigung sämtlicher Naturgesetze möglich sein müsste, den Zustand eines jeden Teilchens im Kosmos zu berechnen, wenn es eine Maschine dafür gäbe, die in der Lage wäre, diese Masse an Daten zu verarbeiten. Ich denke, da ist etwas dran. Das hieße auch, dass rein theoretisch alles vorhersehbar und nichts wirklich beeinflussbar wäre.


Was passiert mit dem freien Willen?


Der wäre in Frage gestellt. Wie ist denn der Wille noch frei, wenn alles vorbestimmt ist? Hier unterscheiden sich dann schon wieder die Meinungen. Dies ist ein weites Feld. Dies zu beantworten würde den Rahmen des Interviews sprengen.


Praktiziere ich Yoga und dann verändert sich mein Leben oder muss ich mein Leben verändern, um Yoga erst wirklich praktizieren zu können?


Ich kann mir vorstellen, dass einige Lebensumstände, die dazu führen, Yoga zu praktizieren, auch dazu führen können, sein Leben ohne Yoga zu verändern. Aber du musst dein Leben nicht ändern, um Yoga zu praktizieren. Ich glaube, der Lebensweg führt einem zum Yoga, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Yoga zu praktizieren, dient nicht nur als Ausgleich in guten Zeiten im Leben, sondern wird einen auch in herausfordernden Phasen des Lebens unterstützen. Meine Devise: Rüste dich in guten Zeiten für schlechte Zeiten. [Jens lächelt]


„Das Leben ist kein Ponyhof“

Was ist eine Grundregel für (Yoga)-Lehrer?


Unterrichte nur das, was du selbst beherrschst und worin du dich sicher fühlst. Probiere dich aus!


Machen die sozialen Medien Yoga kaputt?


Was meines Erachtens kaputt macht und uns weg vom Bewusstsein führt, ist die übermäßige Nutzung des Handys und der sozialen Medien. Yoga selbst kann nicht kaputt gemacht werden, aber unsere Bewusstseinsentwicklung kann eingeschränkt werden.


Und was denkst du über Youtube-Tutorials mit Titeln wie „Lerne Kopfstand in nur 15 Minuten“?


Da wird ein falsches Bild von Yoga vermittelt und einige Menschen werden deshalb vielleicht abgeschreckt, wenn sie den Eindruck bekommen, es ginge beim Yoga nur darum, sich zu verrenken und, dass du nur gut bist, wenn du Kopfstand kannst oder die Beine hinter dem Kopf verknotest.


Welches Buch hat dich besonders inspiriert und dir in schwierigen Zeiten geholfen?


Eckhart Tolle: Jetzt – Die Kraft der Gegenwart. Das ist meine Bibel. Aus diesem Buch nehme ich oft Inspirationen mit in die Anleitung meiner Yogastunden, weil er seine Botschaft in einer dieser Zeit angemessenen und verständlichen Sprache vermittelt. Das Schöne an Büchern wie diesem ist, dass sie so ehrlich sind. Sie knallen dir vor den Kopf: Das Leben ist kein Ponyhof. Wer hat schon gesagt, dass das Leben einfach ist!?

Vielen Dank für das Interview.

Zur Person

Raus aus dem Büro, rauf auf die Matte. Der ehemalige Inhouse-Consultant Jens Barth (48) hat Mut bewiesen, als er sich entschloss, seinen Job an den Nagel zu hängen, um den Weg frei für eine Karriere mit Yoga zu machen. Seine Stunden zeichnen sich aus durch inspirierende Denk- und Fühl-Impulse, raffinierte Sequenzen, die Koppelung von Yoga-Anleitung und Weitergabe von Anatomiekenntnissen, Authentizität, Einfühlungsvermögen und einer guten Portion Humor. Seit mittlerweile sechs Jahren unterrichtet der gebürtige Brandenburger Yoga in Hamburg; darunter Yin-, Aerial- und Power-/Vinyasa-Yoga. Zusätzlich hat er die 300-Stunden Anusara-Yoga-Lehrerausbildung bei Tina Lobe absolviert. Ihr findet Jens im Inmir, LeFit Ottensen, in der Kaifu Lodge, beim Altonaer Turnverband und er bietet auch Firmenyoga an.


Kontakt: jens.barth.leo@outlook.de

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